Der 3. Gemeinwohl Ökonomie Rheinland Summit in der gemeinwohl-bilanzierenden Location DEINspeisesalon in Köln hat eindrucksvoll gezeigt: Gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften ist keine Utopie – es ist bereits jetzt in 1.400 Unternehmen und Organisationen gelebte Praxis. Die Veranstaltung am 23. und 24. Juni 2026 stand unter dem Motto „Jetzt erst recht – gemeinsam Haltung zeigen!“ Die Akademie für Textilveredlung ist Teil der Gemeinwohl Ökonomie (GWÖ).

Der Initiator und Begründer der GWÖ, Christian Felber aus Wien, beleuchtete in seiner Keynote zu Beginn des zweitägigen Netzwerktreffens die Polykrisen, mit denen sich Wirtschaft und Menschen aktuell auseinandersetzen müssen. Und eine Aussage brachte es auf den Punkt: „Keine andere Spezies rottet jährlich 5.000 andere Spezies aus.” In vielen weiteren Vorträgen und Gesprächsrunden wurde deutlich, dass es die Menschen sind, die das ändern können.

Christian Felber erinnerte daran, dass die Polykrise kein Zufall ist, sondern das Ergebnis eines Wirtschaftssystems, das Gewinnmaximierung über Menschenwürde stellt. Die Marktwirtschaft hilft den Menschen, sich mit allem für das Leben erforderlichen zu versorgen. Und am besten gelingt das nach Meinung der GWÖ mit einer kooperativen Marktwirtschaft, die dem Wohl der Menschen und der Erde dient.
Wie ein Unternehmen Künstliche Intelligenz nicht gegen seine Werte einsetzt, sondern mit den Unternehmenswerten in Einklang bringt, machte Henning Rook deutlich. Er ist Vorstandsvorsitzender der memo AG und schilderte, wie der Onlinehändler für Bürobedarf und Werbemittel KI als werteorientiertes Werkzeug mit den Menschen im Blick einsetzt. In der Diskussion zum werteorientierte Einsatz von Künstlicher Intelligenz wurde deutlich, dass sich Innovationsoffenheit und Gemeinwohl-Werte einander brauchen.
Stadionwurst und Merchandise beim FC St. Pauli
Franziska Altenrath vom FC St. Pauli von 1910 e.V. zeigte in ihrem Beitrag, dass Gemeinwohl buchstäblich in jeder Stadionwurst stecken kann. Merchandise, Lieferketten, Fankultur – alles kann Ausdruck von Werten sein. Ihr Appell: Auch kleine Entscheidungen im Alltag sind politische Entscheidungen. Kaufe bewusst und konsumiere mit Haltung.
Lisa Kolde vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH hat uns mit Daten bestärkt: Unternehmen, die nach GWÖ-Prinzipien wirtschaften, sind resilienter in Krisen. Die Frage ist nicht, ob sich Unternehmen die Gemeinwohl Ökonomie leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, das Wirtschaftskonzept der GWÖ zu ignorieren. Daher der Rat an alle KMU: Startet mit der Gemeinwohl-Bilanz. So haben Unternehmen und Organisationen einen zuverlässigen Kompass in herausfordernden Zeiten und behalten dabei immer das Gemeinwohl im Blick.
In Workshops unter anderem mit Dr. Richard Schieferdecker, Renata Sommer, Jutta Landkotsch und Dorothee Conraths, beide von DEINspeisesalon, Jörg Marquardt von der Diakonie Michaelshoven und Katharina Rauh von prosa | Architektur + Stadtplanung BDA erhielten die über 70 Teilnehmenden des Summits Impulse für die praktische Umsetzung einzelner Handlungsfelder aus der so genannten „GWÖ Matrix“. Dieses Werkzeug hilft Unternehmen beispielsweise dabei, ihre Betriebe und Institutionen zu werteorientierten Einrichtungen umzuwandeln. Dabei wurde auch über die Kompatibilität der Gemeinwohlbilanz mit dem Berichtsstandard VSME (oder neuerdings nur noch als VS Standard bezeichnet) und der EmpCo (der so genannten Greenwashing-Richtlinie der EU) berichtet und diskutiert.
VSME steht für Voluntary Sustainability Reporting Standard for non-listed small and medium-sized enterprises. Es handelt sich um einen freiwilligen Nachhaltigkeitsberichtsstandard der EU, der speziell für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) entwickelt wurde, um ESG-Anfragen (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) von Banken oder Großkonzernen mit einem standardisierten, schlanken Bericht effizient zu bedienen.
EmpCo-Richtlinie (EU-Richtlinie 2024/825, auch Empowering Consumers Directive) zielt darauf ab, Verbraucher besser vor irreführender Umweltwerbung („Greenwashing“) zu schützen.

Politik und Wirtschaftsförderung
In einer Podiumsdiskussion zu einer gemeinwohl-orientierten Wirtschaftsförderung und die Unterstützung der Politik machte Dr. Gregor Kaiser, Landtagsabgeordneter NRW (Bündnis 90/Die Grünen), deutlich: „Die politischen Rahmenbedingungen müssen Gemeinwohl belohnen, nicht behindern. Der Wandel braucht Verbündete in der Politik – und wir als Zivilgesellschaft und Unternehmen müssen sie einfordern.“
Max Thien (KölnBusiness Wirtschaftsförderung Köln), Christopher Paul Franz (Wirtschaftsförderung Bonn) und Paul Corrales Braun (Wirtschaftsförderung Bornheim) zeigten, dass auch regionale Wirtschaftspolitik das Gemeinwohl als Leitbild verankern kann. Das Rheinland hat das Potenzial, eine Modellregion zu werden. Die Wirtschaftsförderung Bornheim ist selbst GWÖ-bilanziert.

Der GWÖ Summit fand nach 2024 und 2025 bereits zum dritten Mal in Köln statt. Organisiert wird das Netzwerktreffen von Martina Dietrich und Oliver Kirchhof vom Gemeinwohl Ökonomie Rheinland e.V. sowie von Stefan Roller-Aßfalg, dem Leiter der Akademie für Textilveredlung.
Die Veranstaltung soll auch 2027 wieder in gewohnter Form und Qualität im Juni stattfinden. Das genaue Datum folgt in Kürze.
Im Rahmen des GWÖ Rheinland Summits wurde Martina Dietrich als langjährige Vorsitzende des Gemeinwohl Ökonomie Rheinland e.V. verabschiedet. Martina Dietrich hatte bereits zuvor angekündigt, bei der Mitgliederversammlung am 27. Juli 2026 ihr Amt als Vorsitzende nach sieben Jahren niederzulegen.
Bilder: Simon Veith
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